Philosophie Convent

Sinn, Krise und Suizid

„Mein Leben verlief gewöhnlich, das Weiterleben brachte nur mehr Leid, und irgendwann fragte ich mich nach dem eigentlichen Sinn meines Lebens. Dies hatte eine Gedankenkaskade zur Folge, die als immer schnellerer Frage-Antwort-Diskurs ablief. Die jeweilige Antwort war stets negativ und die sich als Konsequenz ergebende nächste Frage hatte das gleiche Ergebnis. Als es zu dem Punkt kam, wie diese über Tage aufgebaute und eskalierende Marter des Grübelns zu beenden wäre, war ich mein eigener Befehlsempfänger - alternativlos.“

Diese Schilderung besagt, dass das egoistische Denken zum Problem werden kann. Weiß Gott ist Denken ein wichtiges, doch nicht das höchste geistige Vermögen. Das wahre Leben erfordert einen klaren Geist und es ist immer der wertende Verstand, dem der jetzige Moment nicht schön genug ist. Zum Beispiel beschwert er sich über das Wetter, das wir ja nicht ändern können, und in Situationen, die gedanklich schwer auf den Schultern lasten, benötigen wir Aufklärung, um gestärkt aus dem trüben Stimmungstief hervorzugehen. 

Viele Menschen identifizieren sich in erster Linie mit ihrem Denken und können sogar in eine Grübelfalle stolpern, in der durch ständiges Widerkäuen von Gedanken eine kritische Lebenssituation entsteht. Wenn wir Sinnkrisen, von denen höchstwahrscheinlich nur das Lebewesen Mensch betroffen wird, einer genaueren Prüfung unterziehen, können wir erkennen, dass sie auch mit dem Gedankenkarussell zu tun haben, das um das Ego kreist. Wenn wir im Dunkeln tappen, kann sich sogar das Hirn­ge­spinst einschleichen, sich umzubringen.

Der erste Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation weist besonders darauf hin, dass sich im Jahr 2012 etwa 800.000 Menschen das Leben genommen haben, und viel mehr dachten darüber nach. Dachten darüber nach! Ein Übeltäter ist der egoistische Verstand, der sich denkt: „Ich ... will nicht mehr leben“, und der dem leiblichen Körper sozusagen diktiert, den Ast des Lebensbaums abzusägen, an dem der Mensch von Geburt an reifen soll. Siehe:  Ansprache zum Schulbeginn / Erich Kästner

Der destruktive Plan, vorzeitig den eigenen Lebensweg zu beenden, ist kleinen Kindern unbekannt, er bildet sich bekanntlich erst in älteren Gehirnen, obwohl schon in den zehn Geboten steht: „Du sollst nicht töten.“  Auch nicht dich selbst, daher ist der Suizid eine philosophische Frage, die beantwortet wird durch den Hinweis, dass der Mensch sich nicht das Leben nehmen muss, sondern sich dem Leben hingeben kann, wenn er kein Gefangener seiner selbst ist, wenn er sich selbst überwunden hat.

Im Buch Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn von Viktor Frankl findet sich die Textstelle: „Diese Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz läßt sich am besten erläutern anhand des Auges. Ist Ihnen jemals die Paradoxie aufgefallen, daß die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrzunehmen, abhängig ist von seiner Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen? Wann sieht denn das Auge sich selbst oder etwas von sich selbst? Doch nur, wenn es erkrankt ist.

Wenn ich an einem grauen Star leide, dann nehme ich ihn in Form eines Nebels wahr, den ich sehe, und wenn ich an einem grünen Star erkrankt bin, dann sehe ich, rings um die Lichtquellen, einen Hof von Regenbogenfarben. So oder so, in dem Maße, in dem das Auge etwas von sich selbst sieht, ist das Sehen auch schon gestört. Das Auge muß sich selbst übersehen können. Und genauso verhält es sich mit dem Menschen. Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergißt, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität.“