Philosophie Convent

Im Fluss des Daseins

Das wahre Leben ist nicht zu fassen, es fließt wie Wasser durch die hohle Hand, und das neuronale Netzwerk des Gehirns sorgt bewusst dafür, dass der Organismus mit der Welt harmoniert, in der er lebt. Um des lieben Friedens willen sollten wir nicht in Gedanken versunken sein, sondern das wahrnehmen, was ist - alles möchte im Fluss bleiben mit dem, was momentan geschieht. Johann Wolfgang von Goethe formuliert diese Erkenntnis so: „Wie ist es so süß, überwunden zu haben! Welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem Herzen zu folgen!“

Das Herz ist der Lebensmeister und der Verstand ist ein Kammerdiener, denn er wandert im geistigen Oberstübchen durch die psychologische Zeit und kann das Göttliche nicht erfassen, das außerhalb seiner Denkweite liegt. Wir schauen nur mit dem Herzen gut, das im Takt des Lebens pulsiert und auf Frieden pocht. Das menschliche Herz ist das wichtigste Sinnesorgan, denn es ist im Einklang mit dem Fluss des Daseins, der nicht über die Uferböschungen von Vergangenheit oder Zukunft strömt, sondern durch die goldene Mitte.

„Alles fließt, nichts bleibt, es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln“, erkannte schon der Philosoph Heraklit, und auch viele Philosophen nach ihm kamen zu dieser Erkenntnis. Alles ist im Fluss und die Flucht in Vergangenheit oder Zukunft lässt uns die Ewigkeit versäumen, die quer zur Zeit steht. Die Sonne scheint aufs wahre Leben und alle Sinne benötigen von Geburt an keinen überflüssigen Gedanken, um ihre Funktionalität zu erfüllen. Allein der Vorgang des Schauens ist unausdenkbar, er ist in gewissem Maße eine Bewunderung des Geheimnisvollen.

Je weniger wir uns vor dem Leben fürchten, desto mehr zieht uns das Lebendige an, das uns einen guten Grund gibt, das Leben an sich zu lieben. Der innovative Fortschritt lässt sich nicht aufhalten und es macht Sinn, vollkommene Klarheit über die Komplexität des Denkens zu gewinnen und zu erkennen, dass es eine zeitlose Energie gibt, aus der das Denken gespeist wird. Wem alles fließt, der ist im kreativen Flow, der empfindet die Weisheit des Herzens und gibt sich der wahren Rangordnung im Kreislauf der Existenz hin: Leben, Denken, Wissen.

Erich Fromm beschreibt es im Buch Haben oder Sein mit den Worten: „Die Zeit zu respektieren ist eine Sache; sich ihr zu unterwerfen ist eine andere. In der Existenzweise des Seins respektieren wir die Zeit, aber wir unterwerfen uns ihr nicht. Aber der Respekt wird zur Unterwerfung unter die Zeit, wenn die Existenzweise des Habens vorherrscht. [...] In der Existenzweise des Habens wird die Zeit zu unserem Beherrscher. In der Existenzweise des Seins ist die Zeit entthront; sie ist nicht länger der Tyrann, der unser Leben beherrscht.“