Philosophie Convent

Ein göttlicher Mensch

Einst kam eine junge Frau in die Praxis eines lebenstüchtigen Philosophen und sprach: „Seit ich ein kleines Kind war, hatte ich das Gefühl, dass über dem normalen Leben ein außergewöhnliches Leben ist, das mich ruft. Dies gibt mir bis heute keine Ruhe, ich hungere nach einer Antwort, und nun bin ich hier.“ Der Philosoph sah schweigsam in ihre Augen, bis sich ihre Nervosität legte, und erwiderte dann: „Was ist deine Frage?“

Die junge Frau sagte: „Wo ist Gott?“ Der Philosoph äußerte lächelnd die Worte: „Dies ist die Frage aller Fragen und die einfache Antwort lautet: Gott ist überall.“ „Aber ich kann Gott nicht sehen.“ „Das Göttliche können wir nicht mit den Augen sehen, nur mit reinem Herzen schauen, es offenbart sich jenseits von Name und Form. Im Grunde sind alle Grenzen fließend und du bist kein beschränktes körperliches Wesen. Entdecke deinen seelischen Wesenskern, dann empfindest du grenzenloses Mitgefühl, das nicht im Denken verhaftet ist.“

„Was soll ich also tun?“ Um den inneren Frieden zu finden, der im heiligen Augenblick ruht, solltest du keinem Prediger lauschen, der deinen Geist mit religiösen Halbwahrheiten gefangen halten will und dich nicht an materielle Dinge klammern, die abhängig machen. Begnüge dich nicht mit komfortablen Lügen und sei nicht besessen von Besitz, sondern löse alle Selbsttäuschungen auf, die sich im Gehirn angesammelt haben. Am Anfang mag das nicht leicht sein, da dich Ängste davon abhalten können, doch irgendwann brennst du vor Liebe und spürst: Ich Bin. Dann ist alles vergangen außer der göttlichen Wirklichkeit, die dich quicklebendig macht.“

Freude öffnete ihre Lippen, ihrem Mund entströmten dankbare Worte, und dann verließ sie seine Praxis. Sie kam nie wieder, doch nach Jahren erreichte ihn eine Postkarte mit folgendem Inhalt: Lieber Philosoph, du hast eine Begeisterung vorgelebt, die echten Freiheitsdurst in mir weckte und mich ermutigte, mich gründlich zu erforschen. Ich las viele philosophische Bücher, meditierte unzählige Stunden und konnte alles loslassen, was ich nicht bin. Wenn ich mit Freunden spreche, sage ich immer noch „Ich“, doch damit ist nicht mehr das Ego gemeint, das mich nervte, sondern das wahre Selbst. Herzliche Grüße sendet dir ein göttlicher Mensch.

Was ist die Moral von der Geschicht? Die findet sich im Werk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi: „Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben da ist, ist man sich auch mit Wonne der Gottheit in sich bewußt. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Beseligendste von allem ist, dieses Leben bei eigenen Leiden, bei unschuldigen Leiden zu lieben.“