Philosophie Convent

Ein göttlicher Mensch

Einst kam eine junge Frau in die Praxis eines lebenstüchtigen Philosophen und fragte: „Wo ist Gott?“ Der Philosoph erwiderte: „Dies ist die Frage aller Fragen und die klare Antwort lautet: Gott ist überall.“ „Aber ich kann Gott nicht sehen.“ „Das Göttliche können wir nicht mit den Augen sehen, nur mit dem Herzen fühlen, denn es offenbart sich jenseits von Name und Form. Im Grunde sind alle Grenzen fließend und du bist kein beschränktes körperliches Wesen. Erlerne die Kunst des Sterbens, dann fühlst du dich geborgen im Sein und empfindest grenzenloses Mitgefühl.

Lausche keinem Prediger, der deinen Geist mit religiösen Halbwahrheiten gefangen halten will und klammere dich nicht an materielle Dinge, die abhängig machen können. Begnüge dich nicht mit komfortablen Lügen und sei auch nicht besessen von Besitz, sondern löse alle Selbsttäuschungen auf, die sich im Gehirn angesammelt haben. Am Anfang mag das nicht leicht sein, da dich erlernte Ängste davon abhalten können, doch irgendwann wachst du auf und erkennst: Ich Bin. Dann ist alles vergangen außer der göttlichen Wirklichkeit, die nicht im Denken verhaftet ist.“

„Was soll ich demnach tun?“ „Mach dich auf den pfadlosen Weg zum ewigen Seinszustand, der nicht in Worte zu kleiden ist. Nutze die Logik, um alle Illusionen zu durchschauen und über die Logik hinauszugehen. Praktiziere dafür die Meditation, die dich zur mentalen Stille führen wird. Wenn du ins Reine kommst und inneren Frieden findest, bist du ein Licht, das vor Liebe brennt. Dann spürst du die Energie, die im heiligen Augenblick alles Lebendige durchwirkt.“

Freude öffnete ihre Lippen, dem Mund entströmten dankbare Worte, und dann verließ sie seine Praxis. Sie kam nie wieder, doch nach Jahren erreichte ihn eine Postkarte mit dem Inhalt: „Lieber Philosoph, du hast eine Begeisterung vorgelebt, die echten Freiheitsdurst in mir weckte und mich ermutigte, mich radikal zu erforschen. Ich las viele philosophische Bücher, meditierte unzählige Stunden und konnte alles loslassen, was ich nicht bin. Mir ist klar, dass das Leben in seiner Gesamtheit nur ein Ich kennt, das wahre Selbst. Liebe Grüße sendet ein göttlicher Mensch.“

Und was ist die Moral von der Geschicht? Die findet sich beispielsweise im Werk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi: „Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben da ist, ist man sich auch mit Wonne der Gottheit in sich bewußt. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Beseligendste von allem ist, dieses Leben bei eigenen Leiden, bei unschuldigen Leiden zu lieben.“