Philosophie Convent

Ein göttlicher Mensch

Es begab sich eines schönen Tages, dass ein Mensch einen spirituellen Meister besuchte und sprach: „Seit frühester Kindheit ahne ich, dass jenseits des gewöhnlichen Lebens ein himmlisches Leben ist, das mich ruft. Dies gibt mir bis heute keine Ruhe, ich hungere nach einer befriedigenden Antwort, und nun bin ich endlich hier bei Euch.“ Der Meister sah in die Augen des Besuchers und sagte: „Was ist deine nagende Lebensfrage?“

Der Besucher fragte neugierig: „Was ist ein göttlicher Mensch?“ „Glückselig!“, antwortete der spirituelle Meister mit mildem Lächeln. Wenig später fragte der Besucher nach: „Was bedeutet das?“ Daraufhin erwiderte der Meister: „Ein göttlicher Mensch ist nicht mit sich selbst und der Welt im Krieg, sondern genießt das wundervolle Leben im ewigen Jetzt. Fang an zu staunen und erforsche dich bis zum ursprünglichen Seelengrund, dann bist du reif für die Ewigkeit, die uns im heiligen Augenblick belebt und überall ist - in der Einheit des Seins.

„Was soll ich also tun?“ „Begnüge dich nicht mit komfortablen Lügen und sei nicht besessen von Besitz, sondern löse alle Selbsttäuschungen auf, die sich in deinem Gehirn angesammelt haben. Am Anfang mag das nicht leicht sein, da dich erlernte Ängste davon abhalten, doch irgendwann findest du inneren Frieden und bist kein beschränktes Wesen mehr. Dann brennst du vor Liebe und empfindest grenzenloses Mitgefühl.

Freude öffnete seine Lippen, dem Mund entströmten dankbare Worte, und dann verließ er das Haus des spirituellen Meisters. Er kam nie wieder, doch nach Jahren erreichte den Meister eine Postkarte: Lieber Meister, du hast eine Begeisterung vorgelebt, die echten Freiheitsdurst in mir weckte und mich ermutigte, mich gründlich zu erforschen. Ich las viele philosophische Bücher, meditierte unzählige Stunden, und dadurch hat sich immer mehr verinnerlicht, was ich in Wirklichkeit bin. Herzliche Grüße sendet dir ein göttlicher Mensch.

Was ist die Moral von der Geschicht? Die findet sich im Werk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi: „Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben da ist, ist man sich auch mit Wonne der Gottheit in sich bewußt. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Beseligendste von allem ist, dieses Leben bei eigenen Leiden, bei unschuldigen Leiden zu lieben.“